Der zweite Prozess

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Beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit läuft derzeit in Dresden ein zweiter NSU-Prozess. Acht Jahre nach dem Urteil gegen Beate Zschäpe rückt der NSU-Komplex damit erneut ins Blickfeld. In Dresden sagt die verurteilte Rechtsterroristin an drei Tagen aus – nicht als Angeklagte, sondern als Zeugin gegen eine frühere Weggefährtin im Untergrund. Warum jetzt? Und wem dient dieser Prozess tatsächlich? Der Journalist Thomas Moser, der seit über einem Jahrzehnt zum NSU recherchiert, stellt eine unbequeme Frage: Ist dieses Verfahren ein taktisches Konstrukt, das Zschäpe ermöglichen soll, Reue zu zeigen, Kooperation zu signalisieren – um damit auf eine frühere Haftentlassung hinzuarbeiten?
Unser Film begleitet den Prozess in Dresden und konfrontiert Zschäpes Aussagen mit den Erwartungen der Opferangehörigen. Michalina Boulgarides, Tochter des 2005 ermordeten Theodoros Boulgarides, beschreibt ihre Hoffnung auf Aufklärung – und ihre Enttäuschung darüber, dass Zschäpe trotz stundenlanger Befragungen keine neuen Antworten liefert. Hat der NSU Unterstützer gehabt? Gab es Kontakte zu staatlichen Stellen? Und ist es glaubhaft, dass Zschäpe im Voraus von den Morden nichts gewusst haben will?
Auch Zschäpes Anwalt Mathias Grasel kommt zu Wort. Er verteidigt das Aussageverhalten seiner Mandantin und betont, dass ihre Bereitschaft zur Kooperation bei der Entscheidung über die Mindesthaftdauer eine Rolle spielen könnte. Gleichzeitig rückt ein weiterer Schritt in den Fokus: Zschäpes Aufnahme in ein Neonazi-Aussteigerprogramm. Während der sächsische Innenminister Armin Schuster öffentlich Zweifel an Reue und Aufklärungswillen äußert, bleibt die Frage offen, warum Zschäpe dennoch in das bundesweite EXIT-Programm aufgenommen wurde – und wer diese Entscheidung getroffen hat. Eine Antwort der zuständigen Organisation bleibt aus.
Der Film zeigt die emotionale Zuspitzung im Gerichtssaal, den Protest der Angehörigen und die Wut darüber, dass auch mehr als zwanzig Jahre nach den ersten NSU-Morden zentrale Fragen unbeantwortet sind. Ist dieser Prozess ein Schritt zur Aufklärung – oder Teil eines politischen und juristischen Manövers? Und was sagt der Umgang mit Beate Zschäpe über den Zustand der Aufarbeitung des NSU-Skandals in Deutschland?
Unser Film lief am Donnerstag, den 05. Februar 2026, in der KULTURZEIT auf 3sat.